Jubiläum!

Jetzt wohnen wir bereits ein ganzes Jahr in der Stadt mit der roten Brücke, die das Herz schneller schlagen lässt. Ein Jahr scheint nicht sonderlich lang, doch lang genug um sich an Sonne, Nebel und Wind zu gewöhnen. An die Strände, die schnell erreichbar sind und für die sofortige Endorphinausschüttung zuständig sind. An die Einkaufsmöglichkeiten sieben Tage die Woche, die meine Gedächtnisleistung schon um rund 68% verringert hat. An die nicht ganz ernst gemeinte Frage How are you? und die noch weniger ernst zunehmende Antwort Great! How are you? An die Vorlage des Führerscheins beim Alkoholerwerb, egal ob 8 oder 88 Jahre alt, trotzdem rede ich mir immer noch ein, dass ich wirklich jünger als 21 aussehe und deshalb gefragt werde. An die vielfältige Auswahl guter Restaurants, die eine Diätphase jedes Mal drastisch verkürzen. 

An einige Dinge habe ich mich allerdings noch nicht so gut gewöhnt. An die mittelalterlich anmutenden sanitären Anlagen, die einen Fluppi (auch: KlostampferGummistumpenPlanscher,  PlömpelPlöppelHebamme) als steten Begleiter neben sich brauchen. An die Mietpreise, die ich am Anfang fälschlicherweise für Kaufpreise gehalten habe. An die weite Anfahrt zur Schule, ich hab mir echt Mühe gegeben und bin mit verschiedenen Verkehrsmitteln an die Sache rangegangen. Doch wenigstens damit ist nun Schluss. Da ich das Gefühl hatte, dass mein ganzes Leben nur noch zu unmenschlichen Zeiten im Zug stattfindet, habe ich mich entschlossen, nur noch ein Mal die Woche die weite Reise anzutreten. Dem Dramakurs bleibe ich treu und meinen kostspieligen Lebenswandel versuche ich durch Sprachenunterricht zu finanzieren. Die Selbständigkeit, the American Dream, wenn nicht hier, wo dann?

Diesen Monat waren wir auch das erste Mal wieder zu Besuch in der Heimat. Als wäre man nie weg gewesen. Das Einkaufsverhalten hat sich allerdings etwas geändert. Den Rossmann habe ich leer gekauft und mich ein bisschen an 1989 zurück erinnert gefühlt, nur dass ich diesmal von “drüben” kam. Zum Beispiel kennen die Amerikaner keine Sprüh- oder Rolldeos. Die klemmen sich hier lieber Seifenstücke unter die Arme. Auch Gemüsebrühe habe ich in rohen Mengen gekauft, ein Hoch auf Maggie. Der Berliner Charme ist ja auch stets eine Reise wert. Da saß ich draußen bei Butter Lindner am Tisch und wartete auf mein Körnerbrötchen (ein weiteres deutsches Highlight), das mein Begleiter gerade aus dem Laden holte. Es näherte sich ein Herr, der sich bereits den Stuhl an meinem Tisch zurecht rückte und dann murmelte: Is hier noch frei? Darauf antwortete ich mit meinem inzwischen gut einstudierten breiten Amigrinsen: Nein, hier kommt noch jemand. Darauf erwiderte er: Wann denn, morjen oder wat? Ui, da hatte er mich, darauf war ich gar nicht mehr eingestellt.

 

 

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