You’ve got mail!

Da hab ich doch endlich einen Brieffreund gefunden oder besser gesagt, er hat mich gefunden. Brieffreundschaften sind ja in unserem schnelllebigen Alltag ganz aus der Mode gekommen ebenso wie die ganzen positiven Effekte, die eine solche Freundschaft mit sich bringt. Der intensive Austausch über die Freuden und Probleme des Lebens, die eine ausführliche Antwort verlangen, ganz anders als unsere abgehakten Kurznachrichten, denen ja nun wirklich die Tiefe fehlt. Echt? OMG, das glaub ich jetzt nicht, TMI! BTW, er hat sich gemeldet, FYI! Dies war eine Antwort auf die Frage, dass der Supermarkt an der Ecke keine Cocktailtomaten mehr hätte, ob es denn auch die Datteltomaten täten?

Über die psychologische Auswirkung der drei pulsierenden Punkte, die andeuten, dass die Antwort des anderen in Arbeit ist, gibt es ja bereits die ein oder andere Abhandlung. Auch hier liegt der klare Vorteil auf Seiten der Brieffreundschaft, denn hier starren wir nicht die ganze Zeit auf den Briefkasten und beobachten drei Tintenkleckse, die in regelmäßigen Abständen vom Briefträger aktualisiert werden. Ganz relaxed können wir unser Leben weiterführen, während wir dem Eintreffen des Briefes entgegensehen und uns mit Lesen und Verfassen einer Antwort Zeit lassen können.

Auch können Düfte ganz anders transportiert werden und der Empfänger bekommt eine vage Ahnung über den Entstehungsort des Briefes. Vielleicht auch kein wirklicher Vorteil, wenn man nicht gerade in Rosenblättern badet. Doch trotzdem ein Brief verrät so viel mehr über die Personen, die da auf magische Weise zusammen gefunden haben und sich auf aufwendige Art und Weise ihre Geschichten erzählen.

Nun zurück zu meinem Brieffreund: Er ist weise, hatte viel Zeit, um sich mit sich selbst zu beschäftigen und lebt an einem Ort, der schwer zu erreichen und noch schwerer wieder zu verlassen ist. Nein, leider ist es kein reicher, gut aussehender Schriftsteller, der die Ruhe als Inspiration braucht und deshalb auf eine abgelegene Insel im Pazifik ausgewandert ist. Es handelt sich viel mehr um einen 64 jährigen Insassen eines kalifornischen Gefängnisses, der schon ewig nicht mehr umgezogen ist und auch in naher Zukunft eher in seinen vier Wänden bleiben wird. Auch wurde ich nicht auserwählt, wegen meiner gesunden, glänzenden Haare, meinem ansteckenden Lachen oder meiner interessanten Art über die Probleme dieser Welt zu philosophieren. Nein, meine Firmengründung zwang mich meine Adresse in der Zeitung zu veröffentlichen. Weiblicher Vorname, volle Adresse und zack fertig ist die neue Brieffreundin.

Jedenfalls habe ich kurz über unsere Gemeinsamkeiten nachgedacht und welche tiefgründigen Gespräche wir in unserem Briefaustausch führen könnten, legte dann den in Rosenwasser getränkten Briefbogen wieder weg und entschied, dass ich wohl doch eher der schnelllebige, oberflächliche Typ bin. OMG, was schreibt er? #luckybiatch

Drop! Cover! Hold on!

Nach gut einem Jahr haben wir nun unser erstes Erdbeben erlebt. Es hat mich um 3:27 Uhr aus dem Schlaf gerissen. Erst dachte ich, dass Alex sich entschieden hätte unser Bett umzustellen, was mich wahrscheinlich noch mehr schockiert hätte, als der wirkliche Ursprung: ein Erdbeben! Glücklicherweise habe ich, seit ich hier an der Schule arbeite, bereits gefühlte 24 Erdbebentrainings absolviert und hätte mich auch intuitiv richtig verhalten, wenn sich mein Körper nicht verkrampft hätte, sich nicht ein Vakuum in der Gehirnregion breit gemacht hätte und die Schnappatmung nicht sofort eingetreten wäre. All das hat es etwas schwierig gemacht das Erste-Hilfe-Kit zu schnappen, sich fachmännisch auf den Boden abzurollen und einen adäquaten Unterschlupf zu suchen und entspannt die Situation abzuwarten. Zum Glück wurden diese Qualifikationen nicht überlebenswichtig, da das Erdbeben  nach zehn Sekunden wieder vorbei war und auch nichts zu Bruch gegangen ist. In der schönen Weinregion Napa hat es jedoch ganz schön geruckelt und es gab auch einige Verletzte. Letztes Wochenende waren wir dort noch zum Wein testen. 

Eine komische Erfahrung für uns Berliner, die bis jetzt von allen Naturkatastrophen immer nur in der Zeitung gelesen haben. Ich hoffe, dass ein richtig schweres Beben ausbleibt, denn wie man sieht, bin ich noch nicht ausreichend darauf vorbereitet.

Jubiläum!

Jetzt wohnen wir bereits ein ganzes Jahr in der Stadt mit der roten Brücke, die das Herz schneller schlagen lässt. Ein Jahr scheint nicht sonderlich lang, doch lang genug um sich an Sonne, Nebel und Wind zu gewöhnen. An die Strände, die schnell erreichbar sind und für die sofortige Endorphinausschüttung zuständig sind. An die Einkaufsmöglichkeiten sieben Tage die Woche, die meine Gedächtnisleistung schon um rund 68% verringert hat. An die nicht ganz ernst gemeinte Frage How are you? und die noch weniger ernst zunehmende Antwort Great! How are you? An die Vorlage des Führerscheins beim Alkoholerwerb, egal ob 8 oder 88 Jahre alt, trotzdem rede ich mir immer noch ein, dass ich wirklich jünger als 21 aussehe und deshalb gefragt werde. An die vielfältige Auswahl guter Restaurants, die eine Diätphase jedes Mal drastisch verkürzen. 

An einige Dinge habe ich mich allerdings noch nicht so gut gewöhnt. An die mittelalterlich anmutenden sanitären Anlagen, die einen Fluppi (auch: KlostampferGummistumpenPlanscher,  PlömpelPlöppelHebamme) als steten Begleiter neben sich brauchen. An die Mietpreise, die ich am Anfang fälschlicherweise für Kaufpreise gehalten habe. An die weite Anfahrt zur Schule, ich hab mir echt Mühe gegeben und bin mit verschiedenen Verkehrsmitteln an die Sache rangegangen. Doch wenigstens damit ist nun Schluss. Da ich das Gefühl hatte, dass mein ganzes Leben nur noch zu unmenschlichen Zeiten im Zug stattfindet, habe ich mich entschlossen, nur noch ein Mal die Woche die weite Reise anzutreten. Dem Dramakurs bleibe ich treu und meinen kostspieligen Lebenswandel versuche ich durch Sprachenunterricht zu finanzieren. Die Selbständigkeit, the American Dream, wenn nicht hier, wo dann?

Diesen Monat waren wir auch das erste Mal wieder zu Besuch in der Heimat. Als wäre man nie weg gewesen. Das Einkaufsverhalten hat sich allerdings etwas geändert. Den Rossmann habe ich leer gekauft und mich ein bisschen an 1989 zurück erinnert gefühlt, nur dass ich diesmal von “drüben” kam. Zum Beispiel kennen die Amerikaner keine Sprüh- oder Rolldeos. Die klemmen sich hier lieber Seifenstücke unter die Arme. Auch Gemüsebrühe habe ich in rohen Mengen gekauft, ein Hoch auf Maggie. Der Berliner Charme ist ja auch stets eine Reise wert. Da saß ich draußen bei Butter Lindner am Tisch und wartete auf mein Körnerbrötchen (ein weiteres deutsches Highlight), das mein Begleiter gerade aus dem Laden holte. Es näherte sich ein Herr, der sich bereits den Stuhl an meinem Tisch zurecht rückte und dann murmelte: Is hier noch frei? Darauf antwortete ich mit meinem inzwischen gut einstudierten breiten Amigrinsen: Nein, hier kommt noch jemand. Darauf erwiderte er: Wann denn, morjen oder wat? Ui, da hatte er mich, darauf war ich gar nicht mehr eingestellt.

 

 

Like a boss

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Ich kann Ski fahren!!! Nun bin ich sicher, dass es Wunder gibt, auch wenn es sich nicht gleich am ersten Tag einstellen wollte. Zu Beginn war ich nämlich mit vier meiner Schüler in einem Einsteiger Kurs, doch es stellte sich schnell heraus, dass das stetige

Guck mal, was ich schon kann!

mich von meinem Ziel, wenigstens auf einem Fleck stehen zu bleiben, erheblich ablenkte. Das Konzept von Pizza (Bremsen) und Fries (Losbrettern als wenn es kein Morgen gibt) hab ich anfangs schlecht verstanden und fügte dem Konzept noch die Brezel (verrenkt in einem Schneehaufen liegen) hinzu.
Nachdem klar war, dass meine Kniescheiben nicht so leicht brechen, meine Fortschritte aber auch zu wünschen überließen, wurde ich an Hank weiter vermittelt, der mir ohne eine Miene zu verziehen versicherte, dass ihn nichts schocken könne. So war es dann auch und nach zwei schwitzigen Stunden für mich und lustigen Stunden für Hank, bin ich den Bunny Hill fehlerfrei hinunter gekommen. Mit stolz geschwellter Brust bin ich dann zurück zur Jugendherberge, wo Heimweh geplagte 6. Klässler auf mich warteten. Gerne hätte ich mein Erfolgserlebnis mit einem guten Wein noch etwas zelebriert, doch stattdessen hielt ich die Kleenexbox und überzeugte die Kleinen, dass ihre Eltern sie nicht für immer weggegeben hatten und es sich wirklich nur um eine viertägige Skifahrt handelte.
In meiner Biografie Mein Leben als Rockstar wird diese Episode auf jeden Fall ein ganzes Kapitel einnehmen!

Traum und Wirklichkeit

Es ist 21:00 Uhr und statt in einer angesagten Lokalität die Kuh fliegen zu lassen, befinde ich mich im Bett! Tja, ganz so stellt man sich das Leben in San Francisco dann doch nicht vor, denn von glamourösen Nächten kann ich momentan nur träumen. Meine Augenringe trage ich nicht mit Stolz und einem kokettem Voll laser gestern gewesen! auf den Lippen herum. Mein verlebtes Gesicht ist das Ergebnis wochenlangen frühen Aufstehens, gepaart mit dreistündigem Reisens täglich zur und von der Arbeitsstelle. Hätte ich in Erdkunde bloß besser aufgepasst, dann wüsste ich heute wie man den Maßstab auf einer Karte richtig liest und man Entfernungen richtig einschätzt.
Nächste Woche geht die Schule auf Skifahrt und morgens müssen wir erst um 7:00 Uhr aufstehen. Wow, das wird wie Urlaub für mich! Allein deshalb gehe ich schon motiviert an die Sache ran, mal ganz abgesehen von meinem neuen Schneeoutfit. Denn mein Motto ist bei solchen Sachen immer: Hauptsache gut aussehen! (Wenn man sonst schon nicht mit Anmut auf den Brettern punkten kann).